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Was ist Kauen & Spucken?

Kauen und Spucken – auch „Chew and Spit“ genannt – beschreibt ein Essverhalten, bei dem
Nahrung gekaut, geschmeckt und wieder ausgespuckt wird anstatt sie zu schlucken. Was zunächst wie eine ungewöhnliche Angewohnheit wirkt, ist eine verborgene Essstörung.

Nach aussen bleibt dieses Verhalten unsichtbar, weshalb es selten als Problem erkannt wird. 
Innerlich geht es um Kontrolle, Scham, Druck und das ständigen Spannungsfeld zwischen
Verlangen und Verzicht.

 

Viele Menschen wissen nicht, dass es für dieses Verhalten überhaupt einen Namen gibt. 

Und noch weniger wissen, dass sie damit nicht allein sind.

Warum spricht kaum
jemand darüber?

Über Kauen und Spucken zu sprechen bedeutet, etwas sehr Intimes preiszugeben. Es geht nicht nur um Essen, sondern um Scham, Kontrollverlust und das Gefühl, „falsch“ zu sein. Viele verstehen selbst nicht, warum sie es nicht einfach lassen können.

Hinzu kommt: Kauen und Spucken ist wenig bekannt. Es gibt kaum Aufklärung, kaum Berichte, kaum Bilder, die das Verhalten greifbar machen. Wer darunter leidet, findet selten Worte – und noch seltener Menschen, die offen darüber sprechen.

So entsteht doppeltes Schweigen: Man spricht nicht darüber, weil es sich beschämend anfühlt. Und man spricht nicht darüber, weil man glaubt, allein damit zu sein. Dieses Schweigen verstärkt die Isolation – und hält das Muster am Leben.

Wie entsteht dieses Muster?

​Dieses Muster entsteht selten plötzlich. Oft beginnt es mit dem Wunsch, Kontrolle zurückzugewinnen – besonders in Phasen, in denen Essen bereits mit Angst oder strengen Regeln verbunden ist. Nach starkem Verzicht melden sich irgendwann Hunger, Lust auf Geschmack oder ein inneres Drängen nach Genuss. Gleichzeitig bleibt die Angst vor Gewichtszunahme bestehen.

Kauen und Spucken wirkt dann wie eine Lösung: Man erlaubt sich Geschmack – ohne „wirklich“ zu essen. Für einen Moment fühlt es sich frei an, und zugleich sicher. Kein Schlucken bedeutet vermeintlich keine Konsequenz.

Manchmal entsteht dieses Verhalten auch mitten in einer bestehenden Essstörung – etwa im Rahmen einer Magersucht. Wenn von außen erwartet wird, dass gegessen wird, kann Kauen und Spucken zu einem Weg werden, den Druck auszuhalten und dennoch die Kontrolle zu behalten. 

Auch im Zusammenhang mit Bulimie oder anderen Essstörungen kann sich dieses Verhalten entwickeln – als Verschiebung, als Ersatz, als Versuch, extreme Gegensätze zu regulieren. Es ist nicht das Ende einer Störung, sondern eine neue Form davon. 

Mit der Zeit wird aus der Ausnahme ein Muster. Was zuerst situativ geschieht, verankert sich im Alltag. Der Körper lernt den Ablauf. Der Kopf rechtfertigt ihn. Und so entsteht ein Kreislauf, der sich immer wiederholt – leise und unbemerkt.

Es war nie der Körper, der hungerte.

Es war die Seele, die vergessen hatte,
wie sich genug anfühlt.

Was bedeutet das für Betroffene?

Kauen und Spucken ist mehr als ein Verhalten. Es ist ein innerer Kreislauf aus Spannung, Kontrolle und Scham. Was harmlos beginnt – mit einem Gedanken, mit dem Wunsch, etwas im Griff zu behalten – wird mit der Zeit zu einem Ritual. Zu einem geheimen Ort. Zu einem Doppelleben.

Nach aussen wirkt vieles normal. Der Alltag läuft weiter. Termine, Familie, Freunde, Gespräche. Doch sobald Essen Teil einer Situation wird, verändert sich etwas. Gelassenheit verschwindet. Der Atem wird flacher. Gedanken beginnen zu rechnen, auszuweichen, Wege zu suchen. Die innere Spannung steigt – leise, aber unaufhaltsam.

Für einen kurzen Moment schenkt das Muster Erleichterung. Danach bleibt Leere. Und das Gefühl, versagt zu haben. Viele leben jahrelang in diesem Wechselspiel zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Stärke und Selbstverachtung – vor allem aber im Schweigen.

Was hier beschrieben ist, war für mich kein Begriff.
Es war mein Alltag.
Schwarz-weiß-Bild einer Buchautorin, Claudia Minneci
Ich habe lange geschwiegen.

Kauen und Spucken war kein Ausrutscher. Es war ein System, das sich über Jahre entwickelt hatte – mit Regeln, Zeiten

und festen Abläufen. Nach aussen wirkte ich diszipliniert und kontrolliert. Innen war ich gebunden an ein Muster, das

ich nicht mehr steuern konnte.

Ich habe lange versucht, dieses Verhalten vor mir selbst zu rechtfertigen. Gleichzeitig fühlte ich mich darin gefangen. Für einen Moment vermittelte es mir Kontrolle – und nahm sie mir im selben Augenblick wieder. Es wurde zu meiner Art, Spannung zu regulieren, Angst zu beruhigen und innere Leere zu füllen.

Darüber habe ich geschwiegen. Nicht aus Gleichgültigkeit. Die Scham war zu gross und die Überzeugung tief, dass niemand verstehen würde, was in mir vorging. So vergingen Jahre. Jahrzehnte. Vierzig Jahre Schweigen über etwas, das mein Leben still begleitet hat.

Erst als ich begann, es beim Namen zu nennen, verlor das Schweigen langsam seine Macht.

Claudia Minneci Buchautorin über Essstörungen
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