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Warum perfekte Mädchen oft am meisten leiden

  • Autorenbild: Claudia Minneci
    Claudia Minneci
  • 21. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Juni

Über Anpassung, Kontrolle und das stille Funktionieren.




Aus der Reihe: Das unsichtbare Doppelleben


Mir fiel alles leicht. Schule, Sport, Freundschaften. Ich war kein schwieriges Kind, kein rebellisches, kein auffälliges. Ich war unkompliziert. Unbeschwert. Vieles gelang mir, ohne dass ich darüber nachdenken musste. Vielleicht war es genau das: Ich funktionierte, ohne es zu merken. Es brauchte keine besondere Disziplin, keine sichtbare Anstrengung. Es lief.



Und doch war da früh etwas anderes. Ein leises Gespür dafür, dass es wichtig ist, zu passen. Nicht anzuecken. Nicht zu viel zu sein. Nicht zu wenig. Ich nahm Erwartungen wahr, noch bevor sie ausgesprochen wurden. Ich reagierte darauf, ohne es zu hinterfragen. Es war kein bewusster Entschluss, eher ein inneres Feinjustieren.


Vielleicht begann genau dort etwas, das später grösser wurde. Nicht laut. Nicht sichtbar. Aber beständig.


Bei Kindern, die funktionieren, schaut man selten genauer hin. Gute Noten. Sportlich. Sozial integriert. Alles scheint in Ordnung. Und gerade deshalb bleibt das, was sich im Inneren formt, oft lange unbeachtet.


Viele Jahre später war ich Mutter. Ich begleitete meinen Sohn ins Spital. Er schrieb einen Vortrag über Essstörungen, und wir sassen mit sechs betroffenen Mädchen an einem Tisch. Alle wegen Magersucht dort.


Sie waren hübsch, zart, still. Sie wirkten klug, kontrolliert, beinahe makellos. Keine von ihnen sah aus wie ein „Problem“. Sie sahen aus wie Vorzeigemädchen.


Es war wie eine Reise zurück.
Vor vierzig Jahren sass ich selbst in einem solchen Raum – als Betroffene.
Und ich wusste sofort, wie sich das anfühlt.

Nicht, weil ich ihre Lebensgeschichten kannte. Gewisse Muster wiederholen sich. Essstörungen treffen nicht nur die Zerbrechlichen oder die Auffälligen. Sie betreffen häufig die Starken. Die, die alles im Griff haben. Die, die Erwartungen erfüllen, ohne dass man sie daran erinnern muss.


Gerade Mädchen – und auch viele Jungen – die früh lernen, sich anzupassen, entwickeln ein feines Gespür für Kontrolle. Sie nehmen wahr, was von ihnen erwartet wird, und reagieren darauf, noch bevor es ausgesprochen wird. Leistung wird selbstverständlich. Perfektion wirkt wie eine Tugend. Anpassung wie Reife.


Was nach aussen beeindruckend erscheint, kann im Inneren erheblichen Druck erzeugen. Wer immer funktioniert, lernt oft früh, eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Und wer stark wirkt, bekommt selten die Frage gestellt, wie es ihm wirklich geht.


Perfekte Kinder machen keine Probleme. Sie lösen sie. Genau deshalb wird bei ihnen weniger genau hingesehen.


Und wenn innerer Druck keinen Raum findet, sucht er sich einen anderen Ausdruck. Oft leise. Manchmal über den Körper.


Vielleicht erkennst du dich in vielem wieder.

Vielleicht warst auch du das Mädchen, dem alles leichtfiel. Gute Noten, sportlich, zuverlässig. Man konnte sich auf dich verlassen. Du hast funktioniert. Und irgendwann hast du gelernt, dass es einfacher ist, stark zu wirken, als zu sagen, dass es zu viel wird.


Vielleicht bist du Mutter oder Vater und denkst: Mein Kind macht doch alles richtig. Es gibt keinen Anlass zur Sorge. Gerade deshalb übersieht man leicht, was im Inneren arbeitet.


Vielleicht arbeiten Sie mit jungen Menschen, die perfekt funktionieren und dennoch etwas verbergen. Leistungsstark, höflich, angepasst – und gleichzeitig unter einem Druck, der nach aussen kaum sichtbar ist.


Perfektion leidet leise.

Und was still leidet, wird selten gesehen.


Wir leben in einer Kultur, die Leistung bewundert. Disziplin gilt als Stärke. Durchhaltevermögen als Charaktereigenschaft. Wer funktioniert, wird gelobt. Wer mithält, wird bestätigt.


Doch wir fragen selten, was es kostet.


Wir belohnen Anpassung früher als Ehrlichkeit. Wir beruhigen uns mit guten Noten, sportlichen Erfolgen, höflichem Verhalten. Solange alles nach aussen stimmt, gilt es als in Ordnung.


Aber Funktionieren ist kein Beweis für inneres Gleichgewicht. Es ist oft ein Zeichen dafür, wie früh jemand gelernt hat, sich selbst zurückzustellen.


Perfekte Mädchen fallen nicht auf. Perfekte Jungen auch nicht. Sie tragen ihren Druck gut verpackt. Und genau deshalb bleibt er lange unberührt.


Vielleicht beginnt Veränderung nicht dort, wo es laut wird. Vielleicht beginnt sie dort, wo wir genauer hinsehen – auch bei denen, bei denen scheinbar alles stimmt.


Ich schreibe, um das Unsichtbare sichtbar zu machen.

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