I AM – Wenn „Ich bin“ genug wird
- Claudia Minneci

- 8. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Der Weg zurück zu uns selbst beginnt dort, wo wir aufhören, uns über Rollen, Leistungen und Adjektive zu definieren.

Aus der Reihe: Zurück zu I am
Viele Menschen fragen mich, wie ich es geschafft habe, nach Jahrzehnten meine Sucht loszulassen. Die Wahrheit ist: Die Entscheidung fiel an einem bestimmten Tag. Doch diesem Tag ging ein langer Prozess voraus. Ein Prozess zurück zu mir selbst.
Wenn wir jemanden kennenlernen, stellen wir uns oft über das vor, was wir tun, was wir
was wir haben und was wir erreicht haben. Wir sprechen über unseren Beruf, unsere Familie oder unsere Erfolge. Doch wann hast du dich das letzte Mal vorgestellt, indem du erzählt hast, wer du bist? Nicht, was du tust. Nicht, was du besitzt. Sondern wer du bist.
Ich bin geduldig. Ich bin kreativ. Ich bin einfühlsam. Ich bin grosszügig.
Und selbst hier geschieht etwas Interessantes: Wir hängen ein Adjektiv an unser „Ich bin“.
Ich bin erfolgreich. Ich bin schlank. Ich bin eine gute Mutter. Ich bin stark. Ich bin diszipliniert.
Doch jedes Adjektiv lässt Raum für Zweifel. Denn was passiert, wenn der Erfolg ausbleibt? Was passiert, wenn sich unser Körper verändert? Was passiert, wenn wir Fehler machen oder an unsere Grenzen kommen? Sind wir dann nicht mehr genug?
Ich habe lange geglaubt, ich müsse immer mehr werden. Besser. Kontrollierter. Disziplinierter. Heute sehe ich es anders.
Wir entwickeln uns zu Erwachsenen. Und irgendwann sind wir erwachsen – doch wir haben vergessen, wer wir ursprünglich waren. Nicht, weil wir etwas falsch gemacht haben. Sondern weil das Leben Spuren hinterlässt. Unsere Erziehung. Unsere Erfahrungen. Unsere Enttäuschungen. Unsere Verletzungen. Unsere Traumata. Die Erwartungen anderer.
All das legt sich wie Schicht um Schicht über unseren Kern. Wie die Schalen einer Zwiebel.
Wir lernen, stark zu sein, wenn wir uns eigentlich verletzlich fühlen. Wir lächeln, obwohl wir erschöpft sind. Wir funktionieren, obwohl wir innerlich längst den Kontakt zu uns selbst verloren haben. Wir spielen unsere Rollen perfekt.
Und irgendwann tragen wir diese Rollen so selbstverständlich, dass wir glauben, sie seien unsere Identität.
Doch tief in uns bleibt eine leise Sehnsucht bestehen. Die Sehnsucht nach dem Menschen, der wir waren, bevor die Welt uns sagte, wer wir sein sollten.
Der Weg zurück ist deshalb kein gerader Weg nach vorne. Er führt in die andere Richtung. Zurück.
Schicht für Schicht dürfen wir das ablegen, was sich über unseren Kern gelegt hat. Nicht, weil diese Schichten falsch waren. Viele davon haben uns geschützt. Sie haben uns geholfen zu überleben. Doch irgendwann dürfen wir prüfen, was wir davon noch brauchen. Und was wir loslassen dürfen.
Es ist ein Prozess. Ein ehrlicher. Ein mutiger. Manchmal auch ein schmerzhafter.
Doch unter all diesen Schichten wartet etwas auf uns, das nie verloren gegangen ist. Unser wahres Selbst. Der Teil in uns, der keinen Beweis braucht. Keine Leistung. Keine Perfektion. Keine Adjektive.
Einfach:
I am.
Ich bin.
Nicht „Ich bin erfolgreich“. Nicht „Ich bin stark“. Nicht „Ich bin eine gute Mutter“.
Mein Buch endet mit den Worten:
„Ich bin angekommen.
Nicht an einem Ort,
sondern bei mir selbst.
Und das ist genug.“
Lange dachte ich, Ankommen bedeute, irgendwann die beste Version meiner selbst zu werden. Heute weiss ich: Ankommen bedeutet nicht, jemand Neues zu werden. Ankommen bedeutet, Schicht für Schicht nach Hause zurückzufinden. Zu dem Menschen, der unter all den Rollen, Erwartungen und Erfahrungen schon immer da war.
Nicht mehr. Nicht weniger Einfach DU.
Der Weg zurück zu dir selbst bedeutet nicht, jemand anderes zu werden. Sondern Schicht für Schicht loszulassen, was dich von deinem wahren Kern trennt.




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