Scham – das Schweigen hinter der Essstörung
- Claudia Minneci

- 28. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Sie wächst im Verborgenen und lebt von der Angst, entdeckt zu werden.

Aus der Reihe: Scham, Schuld & Identität
Ich stehe in der Küche. Gerade will ich die Spuren verschwinden lassen, da höre ich Schritte hinter mir. Für einen Augenblick bleibt die Zeit stehen.
Mein Herz rast. Mein Atem stockt. Die Hitze schiesst mir ins Gesicht, während sich in meinem Inneren alles zusammen-zieht. Ich bringe kein Wort heraus. Am liebsten würde ich im Boden versinken. Ich drehe mich weg, murmele irgendetwas Unverständliches und verlasse den Raum so schnell wie möglich.
Mein Blick sucht den Boden. In meinem Kopf kreisen die Gedanken. Was hat diese Person gesehen? Hat sie verstanden, was ich gerade getan habe? Was denkt sie jetzt über mich? Ich ziehe mich zurück und hoffe einfach, dass niemand nachfragt. Nicht aus Angst vor einer Antwort. Aus Angst davor, gesehen zu werden.
Heute weiss ich: Nicht die Essstörung hielt mich am längsten gefangen.
Es war die Scham.
Scham macht uns kleiner
Scham gehört zu den stärksten Gefühlen, die wir Menschen kennen. Oft begegnet sie uns schon als Kind. Ein strenger Blick. Eine Bemerkung vor anderen. Ein Moment, in dem wir das Gefühl haben, falsch zu sein. Fast automatisch senkt sich der Kopf, die Schultern werden schwer und wir möchten am liebsten verschwinden.
Während Schuld sagt: "Du hast etwas Falsches getan.",
flüstert Scham: "Mit dir stimmt etwas nicht."
Das ist der entscheidende Unterschied.
Schuld betrifft unser Verhalten. Scham trifft unsere Identität.
Scham wie ein Schatten. Je mehr wir versuchen, ihn zu verstecken, desto grösser scheint er zu werden. Erst wenn Licht auf ihn fällt, verliert er seine bedrohliche Grösse. Genau deshalb liebt Scham das Verborgene. Sie lebt vom Schweigen. Und Schweigen hält viele Essstörungen am Leben. Nicht das Essen ist das grösste Gefängnis. Nicht das Kauen und Spucken. Nicht die Bulimie oder die Magersucht. Es ist die Scham, die Betroffene glauben lässt, sie dürften mit niemandem darüber sprechen.
Eine Frage an dich
Wovor schützt dich deine Scham – und was nimmt sie dir gleichzeitig?
Scham verliert ihre Macht nicht, weil wir perfekt werden. Sie verliert ihre Macht, wenn wir den Mut finden, uns nicht länger vor uns selbst zu verstecken.
Dort, wo Scham ihr Schweigen verliert, findet die Seele ihre Stimme wieder.ung ist oft nichts anderes als Heimkommen.



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