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Wir müssen alle das Gleiche machen, obwohl wir nicht das Gleiche können

cminneci3
22. Juni
2 Min. Lesezeit

Warum wir oft vergessen, wer wir eigentlich sind.


Aus der Reihe: Scham, Schuld & Identität


Wer wärst du geworden, wenn du dich nicht ständig angepasst hättest?


Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, sehe ich, dass ich schon früh begonnen habe, Teile von mir zu verstecken. In der Schule fiel mir das Lernen leicht. Oft


wusste ich die Antwort, bevor die Frage zu Ende gestellt war. Trotzdem blieb meine Hand unten.


Ich hatte nicht Angst, etwas Falsches zu sagen. Ich hatte Angst, anders zu sein.


Also lernte ich, mich anzupassen. Nicht aufzufallen. Mich zurückzunehmen, damit ich dazugehören konnte. Damals fehlten mir die Worte dafür. Heute weiss ich: Hinter diesem Verhalten stand keine Bescheidenheit. Es war die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Und manchmal sind wir bereit, dafür mehr von uns aufzugeben, als uns bewusst ist.


Wir kommen nicht als Kopien auf die Welt. Wir sind neugierig, verspielt, kreativ, laut oder leise, mutig oder vorsichtig. Jeder Mensch bringt etwas Eigenes mit. Doch schon früh lernen wir, dass manche Eigenschaften besser ankommen als andere.


Der Junge, der gerne geweint hätte, lernt stark zu sein. Das Mädchen, das voller Ideen steckt, wird vorsichtiger, weil es nicht auffallen möchte. Gefühle werden heruntergeschluckt, Bedürfnisse zur Seite geschoben und Gedanken für sich behalten.


Nicht weil etwas mit uns nicht stimmt.


Weil wir dazugehören wollen.


Mit der Zeit wird Anpassung zur Gewohnheit. Wir lernen, Erwartungen zu erfüllen, uns einzufügen und die Rollen zu spielen, die von uns erwartet werden. Und irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, wer wir wirklich sind, sondern wer wir sein sollten.


Wir wachsen in einer Welt auf, in der viele Menschen dieselben Wege gehen sollen. Dieselben Leistungen. Dieselben Massstäbe. Dieselben Vorstellungen davon, was richtig, erfolgreich oder schön ist. Dabei sind wir nicht gleich. Wir denken unterschiedlich. Wir fühlen unterschiedlich. Wir lernen unterschiedlich. Wir brauchen unterschiedlich viel Nähe, Freiheit, Struktur oder Kreativität.


Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Vielleicht hast auch du gelernt, Erwartungen zu erfüllen, stark zu wirken, zu funktionieren oder es allen recht zu machen. Vielleicht hast du dich so sehr daran gewöhnt, dass du kaum noch bemerkst, wie oft du dich selbst dabei zurückstellst.


Irgendwann wird aus Anpassung eine Rolle.


Die fleissige Tochter. Der starke Mann. Die perfekte Mutter. Der erfolgreiche Geschäftsmann.


Von aussen scheint alles zu funktionieren.


Doch innerlich macht sich manchmal etwas bemerkbar, das sich nur schwer beschreiben lässt. Eine leise Unruhe. Eine gewisse Leere. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, obwohl eigentlich alles in Ordnung sein sollte.


Nicht weil dir etwas fehlt.


Sondern weil du dich selbst irgendwo auf dem Weg ein Stück verloren hast.



Vielleicht liegt die Antwort nicht darin, jemand anderes zu werden. Sondern wieder du selbst zu sein.


Heilung ist oft nichts anderes als Heimkommen.



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